Unsere Perspektive auf digitale Jugendkultur Teil 3/3 – Digitale Jugendkultur und die Diskussion um „digital Natives“

Wie bereits erwähnt, ist eine strikte Trennung zwischen analoger und digitaler Jugendkultur in der heutigen Zeit nicht mehr denkbar. Denn Jugendliche teilen ihre Kultur auf Sozialen Netzwerken, lassen sich von anderen Nutzer_Innen inspirieren und präsentieren und vernetzen sich online. Treff- und Distributionsorte klassischer (offline) Jugendkulturen verlagern sich vermehrt in den Online-Bereich. Dies weil die digitale Welt den Jugendlichen neue Möglichkeiten an Intensitätserfahrung, Ganzheitserfahrung und Subjektivitätserfahrung bietet. Wir haben festgehalten, dass die Jugendkultur vielfach eine digitale ist, sind jedoch auch alle Jugendlichen digital aktiv und digital kompetent?  Kann die Vielfalt der Jugendkulturen unter einer Jugendgeneration den Digital Natives subsumiert werden?

Marc Prensky führte 2001 den Begriff Digital Native ein und beschrieb damit eine neue Generation von jungen Menschen, die in die digitalisierte Welt hineingeboren wurde und somit einen selbstverständlichen Umgang mit digitalen Medien pflegt. Im Gegensatz zu den „digital immigrants“, welche diesen erst erlernen musste. Spätestens heute, 16 Jahre später, ist jedoch offensichtlich, dass dieses Konzept eine Überarbeitung braucht, bzw. eine grosse Spannbreite an verschiedenen Nutzer_Innen generalisiert.

Alexandra Samuel schlägt beispielsweise vor, unter den Digital Natives eine weitere Ausdifferenzierung vorzunehmen: digital orphans, digital exiles, digital heirs.

Als digital orphans/ digitale Waisen bezeichnet sie jene digital natives, die mit der digitalen Technologie überhäuft werden, jedoch ohne jegliche (kompetente) Führung. Die Konsequenz daraus ist, dass sie das Internet zwar in grossem Masse, jedoch meist recht unreflektiert nutzen. Die digital exiles hingegen wurden von ihren Eltern systematisch von der Nutzung digitaler Medien abgehalten, sind entsprechend wenig selbstverständlich im Umgang mit technologischen Mitteln aufgewachsen und verfügen dementsprechend über wenig Know-how über die digitale Welt. Als Konsequenz nutzen sie später die technologischen Möglichkeiten gar nicht (bzw. so wenig wie möglich), oder sie stürzen sich in soziale Netzwerke, ohne sich über mögliche Konsequenzen im Klaren zu sein. Die digital heirs/ digitalen Erb_innen hingegen wurden von ihren Eltern bereits frühzeitig aktiv in digitalen Umgebungen begleitet  und verfügen über ausserordentliche technologische Fähigkeiten. Der Umgang mit der Technologie ist bei diesen meist verantwortungsbewusst und reflektiert.

Auch John K. Walters verlangt nach einer Differenzierung und löst den Begriff vom Alter der Nutzer_Innen. So sei nicht jede Person in einer bestimmten Altersgruppe automatisch ein digital native.

Heisst also: Wer googeln kann, twittert oder Games spielt ist nicht automatisch ein Digital native – die «Werkzeuge» alleine machen einen noch nicht zum native. Diese Personen sind eher digital dependent oder digital stimulated, sie sind angewiesen auf die Technologien, geben sich aber mit den ihnen vorgegebenen Möglichkeiten zufrieden. Waters benutzt den Begriff des Prosumer, ein Begriff, der jemanden meint, der gleichzeitig als “consumer” und “producer” unterwegs ist. Das Bedürfnis nach eigener Content-Kreierung ist bei Prosumern also vorhanden, im Normalfall genau dann, wenn eine kritische Auseinandersetzung mit digitalen Mitteln passiert.

Statt digital native schlägt Waters free agent learners als Begriff vor. Diese Leute wissen, wie sie die neuen, digitalen Möglichkeiten für sich nutzen können und eignen sich eine neue, vernetzte Art zu denken und zu lernen an. Der Begriff funktioniert im Gegensatz zu “digital native” aber altersübergreifend.

Die hier angebotenen, sehr unterschiedlichen Kategorisierungen verdeutlichen die Komplexität der Einschätzung dessen, was (digitale) Jugendkultur ist. Wir haben uns entschieden, vorerst eine möglichst offene und daher grobe Zweiteilung vorzunehmen, mit der auch praxisnah gearbeitet werden kann:

Digitalisierte Jugendkultur: Die digitalen Medien dienen als Distributions- und Vernetzungswerkzeuge, die Jugendkultur findet aber grösstenteils offline statt. Dazu gehören z.B. Veranstaltungen, die online beworben, geteilt und bewertet werden, aber auch Trends, Internetphänomene oder Jugendsprache.

Digitale Jugendkultur: Die Community besteht hier primär online und entsteht durch das gemeinsame Produzieren und Konsumieren von Inhalten. Hier sind die Jugendlichen Prosumer – d.h. sie nutzen den digitalen Raum bewusst und geschickt. Beispiele dafür sind die Gamer_innen-Szene, Video- und Bildplattformen, Foren usw.

Wie dieser Beitrag gezeigt hat, begeben wir uns mit unserer Forschung in ein sehr komplexes und schwer greifbares Feld. Um die digitalen Jugendkulturen zu untersuchen reicht es nicht, bloss die “heirs” und deren Projekte zu betrachten, sondern auch die “orphans” und die “exiles”. Wenn wir uns der Frage nähern wollen, was diese Jugendlichen für Unterstützung und Förderung brauchen und wünschen, müssen wir sie auch in ihrer Gesamtheit ernst nehmen. Letztendlich sind es ja nicht bloss die Programmierer_Innen, Filmer_Innen, Youtuber_Innen, Fotographen_Innen und Gamedesigner_Innen welche die Community bilden, sondern ebenso all die Jugendlichen, welche die Inhalte teilen, liken, kommentieren und kopieren.

 

Weiterführende Literatur:

Hitzler, Roland und Arne Niederbacher (2010). Leben in Szenen. Formen juveniler  Vergemeinschaftung heute (3. vollständige überarbeitete Auflage). Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.) (2014). Digitale Jugendkulturen. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S.11-24.

Jenkins, Henry, Mizuko Ito, Dana Boyd (2016): The Myth of the Digital Native. In: Jenkins, Henry, Mizuko Ito, Dana Boyd (Hrsg.): Participatory Culture in a Networked Era. A Conversation on Youth; Learning, Commerce and Politics. S. 32-60.

Krotz, Friedrich/Schulz, Iren (2014). “Jugendkulturen im Zeitalter der Mediatisierung”. In: Digitale Jugendkulturen. Hugger, Kai-Uwe (Hrsg.). Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden, S. 31-44.

Samuel, Alexandra (2017). Forget digital natives : here is how kids are really using the internet http://ideas.ted.com/opinion-forget-digital-natives-heres-how-kids-are-really-using-the-internet/ (10.10.2017).

Schmidt, Axel und Klaus Neumann-Braun (2003). “Keine Musik ohne Szene? Ethnografie der Musikrezeption Jugendlicher”. In: Popvisionen. Links in die Zukunft. Hrsg. von Neumann-Braun, Klaus, Schmidt, Axel und Manfred Mai. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, S. 247-272.

Waters, John K. (2011). Will the real digital native please stand up? https://campustechnology.com/Articles/2011/10/01/Will-the-Real-Digital-Native-Please-Stand-Up.aspx?p=1 (10.10.2017).

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