Unsere Perspektive auf digitale Jugendkultur Teil 2/3 – Wie lässt sich jugendliche (Online-)Vergemeinschaftung differenzieren?

Unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen gibt es unterschiedliche Formen, wie sich Gemeinschaften bilden. Solche jugendkulturellen Phänomene lassen sich grundsätzlich zunächst einmal in zwei Untergruppen aufteilen. Einerseits gibt es die sogenannten “AJOs” (“Allgemein Jugendkulturell Orientierte”), andererseits Szeneinsider, die spezifischen Gruppen zuzuordnen sind. Wenn man von einer Szene spricht, ist ein interaktives Netzwerk gemeint, in welchem die Basis durch gemeinsame Interessen der Mitglieder gebildet wird. Die Anzahl der Gruppenmitglieder ist hierbei unbegrenzt und die Szene ist nicht an einen bestimmten Ort gebunden. Sie sind durch ihre sich ständig ändernden Mitglieder dynamisch und dennoch thematisch und sozial fokussiert. Durch eine spezifische Ästhetisierung, z.B. im Kleidungsstil, versuchen sich Szeneinsider hervorzuheben, wozu sie szenespezifische Kompetenzen und Wissen benötigen. Des Weiteren bildet eine stetige Zunahme von organisierten Events für die verschiedenen Szenen einen entscheidenden Trend, der durch die Mediatisierung gefördert wird (z.B. das Wacken Open Air für die Metal-Szene). Es ist viel einfacher und billiger beispielsweise über Facebook-Gruppen und Gruppenchats einen Event zu promoten und eine Veranstaltung zu erstellen, als dies zuvor mit Flyer und Werbeplakaten möglich war.

Die sogenannten ‘AJOs’, oder ‘normale Jugendliche’, stellen im Gegensatz zu Mitgliedern spezifischer Szenen den Grossteil der Rezipienten dar. AJOs lassen – und wollen – sich nicht einer bestimmten Szene zuordnen, d.h. sie kleiden sich z.B. situationsbedingt und nicht szenespezifisch (‘rockig’ am Rockkonzert, während andere Kleidung für ein Hip-Hop Konzert gewählt wird und wiederum anders an einem Indiefestival). AJOs möchten sich nicht abgrenzen, vielmehr steht eine Form der Inklusion verschiedenster Szene-Elemente und -Stile im Vordergrund.  Szenegänger, welche sich dem entsprechenden Stil einer bestimmten Szene kleiden und geben, sind für AJOs diejenigen, die angepasst sind und sich leicht durch Werbung oder ähnlichem beeinflussen lassen. Die Möglichkeit, sich je nach Situation anpassen zu können, bedeutet für die AJOs Freiheit und Unabhängigkeit. Während in spezifischen Szenen der Stil und die dazugehörige Musik den Fixpunkt für die Identifikation darstellen, ist dieser für die AJOs durch die (lokale) Peergroup verkörpert. AJOs sind im analogen Sinne vor allem mit der aktuellen Popmusik und den Geschehnissen dieser Welt bestens vertraut und wählen hieraus jeweils nur Facetten als Teil ihres Selbstausdrucks aus.

Doch was ist der AJO eigentlich in Bezug auf digitale Jugendkultur? Dadurch, dass sich die Jugendlichen in unserer heutigen Zeit nahezu ununterbrochen im digitalen Raum aufhalten, werden sie zwangsläufig durch dessen Inhalte beeinflusst. Somit lässt sich der ursprünglich analoge Begriff der AJOs auch auf den digitalen Bereich anwenden. Die Beeinflussung der Jugendlichen zeichnet sich auch hier durch keine bestimmte Szene- oder Themenzugehörigkeit aus, sie greifen lediglich jene Merkmale, Charakteristiken und Funktionen auf, welche zu ihrem szeneungebundenen Interesse passen. Die digitale Welt erlaubt es AJOs, sich weitgreifender zu orientieren, was heisst, dass sie einfacheren Zugang zu vielen verschiedenen jugendkulturellen Angeboten haben.

In Zeiten der Digitalisierung wäre für beide Formen der Vergemeinschaftung ein digitales und interaktives Netzwerk, das keine lokalen Grenzen kennt, ohne intensive Internetnutzung gar nicht umsetzbar. Die Szenen können sich durch die konstante Kontaktmöglichkeit distanzunabhängig jederzeit austauschen und eine szeneinterne Stabilität aufbauen. Amateure oder sogenannte “Fakes” können in Online-Communities mitmischen ohne offline tatsächlich Teil der Szene zu sein. Die Szene kann ihre Verbindung zueinander also stärken und ihre Themen und Interessen schneller und weiter verbreiten. Die Dynamik einer digital entstandenen Jugendkultur wird dadurch verstärkt, dass jeder beitreten und (mehr oder weniger) unbemerkt auch wieder austreten kann. Dadurch verschwimmen die Grenzen zwischen den Szenen in Onlineumgebungen und auch AJOs haben je nach Interesse einfacheren Zugang zu den verschiedenen Phänomenen. Die digitale Jugendkultur öffnet für viele, die sich sozial gehemmt fühlen, die Türen, wodurch sich eigene Interessen digital entfalten lassen. Die Möglichkeit der onlinebasierten Teilnahme an (digitalen) jugendkulturellen Phänomenen erlaubt ihnen eine Form von sozialem Austausch und bietet ihnen die Möglichkeit ein Gefühl von Zugehörigkeit zu erleben. Somit verlagert sich die Signifikanz der ursprünglichen Treffpunkte in die Digitalität, wodurch die Abhängigkeit an bestimmte Lokalitäten gelöst wird und ein (internationales) Netzwerk entstehen kann, welches (zumindest vorerst) keine körperliche Kopräsenz benötigt.

Am Freitag, den 20.10.2017 folgt Teil 3/3:

Digitale Jugendkultur und die Diskussion um „digital Natives“ (inklusive Literaturliste)

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