Unsere Perspektive auf digitale Jugendkultur Teil 1/3: Analoge vs. digitale Jugendkultur?

 

Eine Jugendkultur ohne Internet ist heute nicht mehr denkbar. Das bedeutet also, dass Jugendkulturen immer auch digitale Jugendkulturen sind. Der Nutzungsgrad der digitalen Medien ist in jeder jugendkulturellen Gruppierung abhängig von deren Funktion und Anwendung. Somit geht es nicht mehr nur um die Frage, ob Jugendkulturen überhaupt digital sind, sondern inwiefern das Digitale von den unterschiedlichen Gruppierungen von Jugendlichen genutzt wird und welche Bedeutung es dabei hat.

Es gibt hauptsächlich zwei Perspektiven bei der sozialwissenschaftlichen Untersuchung digitaler Jugendkulturen: Die erste interpretiert den Umgang und die Vergemeinschaftungsprozesse von Jugendlichen im Internet als Zeichen für die Entstehung einer neuen Generation. Konzepte wie die zu den „Digital Natives“ versuchen, die Unterschiedlichkeit verschiedener Jugendkulturen in eine gesamte Jugendgeneration zu integrieren. Die zweite Perspektive jedoch verzichtet auf ein Gesamtbild einer einzigen Jugendgeneration. Stattdessen wird versucht, eine Jugendgeneration in entweder politische, ethnische, mediale oder institutionelle Gruppierungen einzuteilen. Dieses zweite Konzept macht deswegen mehr Sinn, da gerade das Internet jeder nur erdenklichen Jugendgruppierung einen unüberschaubaren Möglichkeitsraum bietet. Es lassen sich aber trotzdem drei strukturelle Gemeinsamkeiten digitaler Jugendkulturen finden:

  1. Jugendliche suchen in der digitalen Welt vor allem nach Intensitätserfahrungen, die sie aktiv mitgestalten können (im Gegensatz beispielsweise zum Fernsehen).
  2. Jugendliche suchen in der digitalen Welt nach Ganzheitserfahrungen: Die Online-Welt erlaubt es ihnen, eigene, konkrete lebensweltliche Erfahrungen einzubringen und zu teilen. Sie haben durch digitale Medien die Möglichkeit einen Bezug zum unmittelbaren lokalen Lebensraum herzustellen, aber sie können auch weit entfernte Lebenskontexte erreichen. So wird die Lebenswelt der Jugendlichen gleichzeitig von Realem und Virtuellem beeinflusst.
  3. Jugendliche suchen in der digitalen Welt nach Subjektivitätserfahrungen: Die Online-Welt erlaubt es den Jugendlichen wenigstens teilweise, der Fremdbestimmung durch neue strukturelle Vorschriften eine selbstbestimmte Artikulation entgegenzusetzen und somit die Wirksamkeit ihres eigenen Handelns erfahren zu können.

Diese drei Gemeinsamkeiten stehen immer in Relation zu ihrer Auslegung in der jeweiligen Jugendkultur. Es ist also immer aus der Perspektive der jeweiligen Jugendlichen zu interpretieren, was das Gemeinsame genau ausmacht.

Innerhalb einer Jugendkultur finden immer verschiedene Vergemeinschaftungen auf Basis eines thematischen Fokus’ statt. Jugendliche konstituieren sich heute viel grundlegender mit und über Medien als in der Vergangenheit. Der technische Ausgangspunkt ist dabei die Digitalisierung und Konvergenz von Medien und die damit verbundene Entstehung neuer Kommunikationspotenziale. Sie nutzen die Möglichkeiten von Sozialen Netzwerken, Foren und Plattformen im Internet und die damit verbundenen multimedialen Funktionen ihrer Smartphones um sich zu definieren und zu präsentieren.

Im Hinblick auf die Veränderung von klassischen Jugendkulturen zu mediatisierten, bei welchen immer mehr Lebensbereiche durch Medien wie beispielsweise das Internet beeinflusst werden, lassen sich vor allem zwei Entwicklungen feststellen.

Die erste Entwicklung beschreibt, wie Jugendliche ihr kommunikatives Handeln in digitale Medien hinein verlagern. Jugendliche leben insofern in digitalen Medien und im Internet, als dass sie eine grosse Menge persönlich wichtiger Handlungen im Internet realisieren. Würde den Jugendlichen der Zugang zum Internet verwehrt, wären sie um ein wichtiges Feld in ihrem täglichen Leben ärmer. Das hat mitunter auch damit zu tun, dass die Unterscheidung zwischen On- und Offline-Welt immer weniger von Relevanz ist. Jugendliche nutzen nicht nur alle Medien für ihre Beziehungsgestaltung, sondern wählen auch die jeweiligen Kommunikationsmedien abhängig von den jeweiligen Lebenssituationen, Tageszeiten und Themen. Die Bedeutung des Internets für Jugendliche zeigt sich also besonders daran, dass sie ihnen wichtigen Beziehungen nicht nur offline, sondern eben auch online gestalten und entwickeln.

Die zweite Entwicklung zeigt, dass sich Jugendliche die digitalen Medien, besonders das Mobiltelefon, quasi einverleiben: das Smartphone ist an sämtlichen beziehungs- und identitätsrelevanten Praktiken beteiligt. Niemals aus der Hand gelegt, kennt das Handy alle Geheimnisse des/der Besitzern und zeigt zu jeder Zeit, welche Beziehungen und welcher Stil gerade angesagt ist.

Das Smartphone als nur ein Beispiel digitaler Medien ist sowohl als Beziehungsmedium, als auch als persönliches Medium relevant, weil es als Vermittler zwischen Besitzer und Umwelt fungiert. Die vor allem im jugendlichen Alter sehr relevanten Fragen wie „wer bin ich?“, „zu wem gehöre ich und zu wem nicht?“ werden mithilfe des Smartphones, im Zusammenspiel mit den anderen Medien und direkter Kommunikation zu beantworten versucht. Gleichzeitig entstehen über diese mediatisierten Kommunikationspraktiken neue kommunikative Räume, die eine lokale Bindung überwinden.

To be continued…

am 17.10.2017 folgt Teil 2/3: Wie lässt sich jugendliche Vergemeinschaftung differenzieren?

am 20.10.2017 folgt Teil 3/3: Digitale Jugendkultur und die Diskussion um „digital Natives“ (inkl. Literaturliste)

Werbeanzeigen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s